KAPITEL 5 – Heiler sein

“Du bist ein Heiler” sagte mir eine Heilerin in Rishikesh. Diese Worte klangen für mich wie ein riesiger Stein, der gerade auf meinen Kopf gefallen war. Es war also weit weg von einem Kompliment.

Ich fühlte mich nicht gelobt, sondern eher verwirrt.

“Wenn ich ein Heiler bin, was soll ich damit tun?” dachte ich.

Die Sonne schien wunderschön über den Fluss Ganges in Rishikesh. Die Spaziergänge fühlten sich an wie Laufen im Paradis. Durch die Fenster meines Zimmers konnte ich den Fluss betrachten und abends die Feuerrituale der Brahmanen hören und sehen, magisch und kraftvoll. Die Rituale berührten mein ganzes Sein. Es gab keine Frage in mir über dieses Spektakel, sondern nur Faszination. Der Eindruck war, dass ich mich auf einem anderen Planeten aufhielt, aber gleichzeitig fühlte ich mich voll geerdet und geborgen, viel mehr als oftmals auf meinem westlichen Planeten.

Ein paar Überlegungen kamen später durch meinen Kopf, vielleicht um dieses seltsame Gefühl der Erdung zu verstehen. Sofort dachte ich an die Darstellung des Rituals. Es schien logisch, dass ich mich als Mensch auf der Erde, während und nach dem Ritual sehr geerdet und zufrieden gefühlt habe, denn alle Hauptelemente der Erde waren in dem Ritual vorhanden: Feuer, Wasser, Metall, Luft und Äther (dies durch den Klang der Mantras).

Wenn ich eine Resonanz zu der Gesamtheit dieser Elemente empfand, könnte es sein, dass diese Elemente auch in mir sind?

Es war sehr interessant im eigenen Körper das Wissen der Resonanz zu erfahren!

Ich hatte vor ein paar Jahren über das Gesetz der Resonanz gelesen und jetzt war es das erste Mal, dass ich es (bewusst) im eigenen Fleisch erkannte. Was außen ist, ist auch innen und umgekehrt! Wie in der Mathematik gesagt ist: Die Ordnung der Faktoren ändert nicht das Produkt.

In diesen Tagen war ich von dem ganzen hypnotisiert. Die Grenzen von dem was ich war und was das außen war, schien nicht so wichtig zu sein. Ich war die Sonne, der Sand neben dem Fluss, die Kinder, die auf der Straße bettelten, die Mantras, die Mango Lassis und sogar die Kühe, die die Papierplakate von den Straßenwänden leckten und fraßen.

Es war aber kein unbewusster Zustand, sondern eher ein Überbewusstsein, das mir erlaubte, die Grenzen von den Strukturen unserer Gedanken (durch die man alle Dinge des Lebens trennt und auseinander setzt) zu überwinden und abzuschalten.

Aus meiner Wahrnehmung nahm das Unmögliche einen sekundären Platz ein. Das fand sogar seine Resonanz in der äußeren Welt: Ein Verkäufer, der eine riesige rote Tika (aufgemalter Punkt, wo das energetische dritte Auge vermutet wird) auf seiner Stirn hatte, schrie jeden Tag die Worte: “Everything is possible” und sagte dazu “Everything is bombastic, fantastic, alloballoba” so ähnlich wie in einem Lied der achtziger Jahre. Das gefiel mir und für meinen Verstand war etwas Wesentliches klar: Wenn ich solche Ereignisse jeden Tag erleben konnte, so durfte doch alles möglich sein!

In diesem Zustand zwischen Ahnungslosigkeit und Überbewusstsein ging ich einmal neben dem Fluss Ganges und trank einen Schluck Wasser. Viele Menschen hatten mich vor dem Schmutz des Wassers gewarnt und viele wissen, dass der Ganges, rein materiell gesehen, nicht das sauberste Wasser ist.

Trotzdem nahm mein Körper eine Umleitung weit von solchen Warnungen und erlaubte sich ein bisschen von dem Gangeswasser zu trinken.

Gegen Abend merkte ich, wie mein Bauch grummelte, mein Körper wurde schwach und an Essen war gar nicht zu denken. Ich ging einfach in mein Zimmer, verschloss die Tür und brachte meinen Körper ins Bett.

In der folgenden Stunde zitterte er und oft befand er sich in einer Art zwischen Wach- und Schlafzustand.

Als ich in einen tiefen Schlaf fiel, träumte ich, dass ein kleines Boot mit einer hellen Laterne im Bug durch den Fluss in Richtung meines Zimmers sich sehr ruhig annährte. Ich konnte niemanden darin sehen, aber die Intelligenz, die diese Bilder im Einsatz durch den Traum zeigte, (sei es mein Unterbewusstsein, was auch immer das Unterbewusstsein sein soll oder eine andere äußere Kraft, was auch immer das sein konnte) wollte mir den Gott Shiva vorstellen. Kurz danach wachte ich auf.

Plötzlich merkte ich eine Kälte als wäre ein Fenster offen. Es war kein Fenster auf sondern die Tür, welche ich vor meinem Schlafengehen geschlossen hatte! Komischerweise war sie offen. Noch dazu konnte ich von meinem Bett den Ganges sehen, genau so wie ich es im Traum gesehen hatte, aus dem gleichen Augenwinkel und Nachtlicht, nur ohne Boot.

Ich schloss dann die Tür zu und schlief lange und tief. Am nächsten Morgen war ich gesund und mit neuen Energien aufgeladen.

Was für eine seltsame Nacht… Was war denn Traum? Was war Realität? Meine begrenzte Logik gab mir keine Antwort.

Dann fokussierte ich mich auf Shiva. Wer oder was war es? Für viele Menschen stellt Shiva das reine Bewusstsein dar, das Gute in den Herzen der Menschen. Ich merkte wie alle meine geistigen Kanäle offen waren und somit meine innere Stimme sprach, bezüglich der Bedeutung des Traumes:

“Die höhere göttliche Kraft ist wie ein einfaches Boot, das sich geduldig und lichtvoll auf dem ruhigen Wasser in einer angenehmen und warmen Nacht in eine Richtung bewegt”.


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In Resonanz, Sebastián

KAPITEL 4 – Tochter der Hexen

“Seid ihr alle mit dem Essen fertig? Wir können dann ein Spiel spielen” sagte Lucia.

”Was für ein Spiel?” fragte eine Person.

“Zahlen erraten. So geht es: Eine Person schreibt eine Zahl zwischen 1 und 100 auf ein Blatt Papier. Sie ist die einzige, die die Zahl kennt und läßt niemanden die Zahl sehen. Die Runde läuft im Uhrzeigersinn, jeder darf nur eine Zahl sagen und derjienige der die Zahl bereits kennt, wird “weniger” oder “mehr” sagen.

So fing das Spiel an. Eine Person schrieb eine Zahl auf. Es dauerte zwei bis drei Runden (mit etwa zehn Menschen im Spiel) bis die richtige Zahl erraten wurde.

So lief das Spiel eine halbe Stunde bis jemand an der Haustür klopfte. “Hallo Rocio, komme rein, wir spielen gerade etwas”. “Ok, ich spiele mit!”. Jemand erklärte ihr, wie das Spiel funktionierte und so fingen wir neu an.

Jemand schrieb eine Zahl auf und das Spiel lief so wie vorher. Also niemand von uns war in der Lage in der ersten (oder in der zweiten) Runde die richtige Zahl zu erraten. Aber dann geschah etwas anderes. Sobald Rocio zum ersten Mal die Zahl sagte, war es die richtige!

Wir lachten darüber und einige Freunde sagten: “Was für ein Glücksfall!”. Das Spiel ging wieder von vorne los, entsprechend mit einer neuen Zahl.

Und ja, sie sagte wieder die richtige Zahl! (Ich sollte vielleicht erinnern, dass es eine Zahl zwischen 1 und 100 sein musste…). Ich beobachtete das und lächelte. “Sehr interessant!” dachte ich mir.

Nun das Spiel ging weiter. Noch dreimal erriet diese für mich noch unbekannte Frau die richtige Zahl in der ersten Runde. Ich war einfach erstaunt.

In den nächsten Tagen traf ich oft eine Freundin und wir sprachen über den Begriff Intuition. Sie meinte, dass sie an jemanden denkt (auch wenn sie viele Jahre von diesem Menschen nichts gehört hatte) und im Anschluss trifft sie diesen Menschen um die Ecke auf der Straße oder jemand ruft sie an und wer ist am Telefon? Genau der Mensch an den sie gedacht hat.

So viele solcher Ereignisse als Zufall zu bezeichnen, empfinde ich als eitel.

Wenn wir jedoch diese Ereignisse durch den orthodoxen Pragmatismus betrachten, dann stellen wir fest, dass wir begrenzte Erkenntnisse haben, um mit diesen alle Ereignisse des Lebens beurteilen zu können. Dabei können nur absolute Wahrheiten herauskommen, die von der konditionierten und begrenzten Verstandesmöglichkeit beeinflusst sind.

Das wiederum erzeugt nur relative Wahrheiten, auch wenn wir glauben wollen, dass sie absolute sind. Was übrig bleibt ist ein relatives Wissen.

Dagegen befinden sich jenseits dieser konditionierten Logik und Denkweise andere Wahrnehmungsmöglichkeiten, die uns über unsere komplexe Natur und die Wunder des Lebens aufklären.

Es ist den meisten Menschen bewusst, dass es eine Verbindung mit der Natur und dem gesamten Universum gibt, aber wir stellen es in Frage, wenn es um nicht sichtbare Ereignisse geht. Da denken wir vielleicht, das kann ich nicht sehen, das nehme ich nicht wahr, das kann ich nicht riechen und dann denken wir, dass dieses unsichtbare Ereignis einfach nicht existieren kann, dass es mit dem Glauben zu tun haben muss.

Warum nehmen wir es so an? Vielleicht aus Angst, dass jemand anderes uns als dumm oder komisch beurteilen könnte, wenn wir etwas sagen oder denken, das nicht dem aktuellen Trend oder Glauben folgt?

Das Thema interessierte mich sehr in solchen Zeiten. Mich bewegten aber nicht die übersinnlichen Erfahrungen von Menschen (von denen ich damals viele Informationen durch Freunde und Bekannte bekam), sondern eher die Ursache für diese unbewusste Skepsis.

Die Wechselfälle des Lebens brachten mich zu sehr unterschiedlichen Menschen: eine buddhistische Frau, eine Hellseherin, ein sehr intelligenter Skeptiker, ein Politiker und Philosoph, eine Stundentin der Kunsttherapie, eine Frau, deren Familie übersinnliche Erfahrungen als Teil des Alltags betrachten, ein Sufimusiker, eine Biologin, die mit Mikrobiologie arbeitete, ein Moslem und viele Künstler und Lehrer, die sich auf die eine oder andere Weise für das Thema Religion, Mystik und Intuition interessierten.

Nebenbei untersuchte ich viel im Internet und in Büchern über die Pharmaindustrie, das Geld, die Banken und auch über faszinierende Sachen wie die Kraft der Mantras, indische Mythologie, Sprachen der Welt und Etymologie.

Hier fiel mir etwas über die Realität der Verschwörungen auf, mit denen die “normalen” Menschen (das Volk) von großen Firmen, Banken, der Pharmaindustrie oder Ernährungsindustrie benachteiligt wurden . Diese Möglichkeit bringt eine Neigung ans Licht.

Eine Neigung zum Guten, zur Liebe und zur Existenz von etwas Göttlichem, denn es scheint, dass diese Firmen, Banken u.s.w. nicht zu Gott und der allumfassenden Liebe (wie in der Bibel und anderen heiligen Büchern gesagt wurde) gehören.

Es fühlte sich an, als wären wir alle (als Menschheit) etwas enttäuscht und verletzt, wie Kinder, die von ihren Eltern betrogen worden sind.

Ich fragte mich dann, wer (wenn es ein einzelnes wer gibt) hat uns etwas über das Gute, die Liebe und die göttliche Existenz erzählt, das mit unserem gesunden Menschenverstand nicht wirklich übereinstimmt?

Wieso scheint es so zu sein, dass es uns allgemein schwer fällt die Welt und ihre Ereignisse durch das Gute und die Liebe wahrzunehmen? Ist dir auch diese Unstimmigkeit aufgefallen?

Jeder Mensch in seinem tiefsten Sein versucht, sich wohl zu fühlen, sich von der Warmherzigkeit der Welt zu ernähren, aber gleichzeitig sieht er sich selber als ein getrennter Organismus der meisten Ereignisse, welche ihn umgeben und existieren.

Diese Fragen öffneten noch mehr das Feld der Forschung!

Mich interessierten aber immer noch nicht die Details und Kleinigkeiten, wobei sie natürlich eine Bedeutung und Wichtigkeit haben konnten.

Warum, warum, warum…

Anstatt so viele Antworten zu suchen, die mir eine umfangreiche Forschung bringen würde, schien es notwendig auf meine Gefühle zu achten, meinen Körper kennenzulernen, mich gut zu ernähren und mich auf die oben genannten Fähigkeiten (das Gute, die Liebe und die Existenz des Göttlichem) zu fokussieren und daran zu glauben.

Das brachte mich sehr weit innerhalb kurzer Zeit, weil ich, obwohl ich nicht für alle Fragen, die mein Verstand stellte eine Antwort hatte, begann ich mich wegen dieser drei Fähigkeiten nicht zu schämen und dementsprechend hörte ich auf, in einer Art spirituellem Bunker weiter zu leben. Somit durfte ich diese Tugenden erkennen und mit ihnen den Weg weitergehen.

Als Ergebnis dieser Entscheidung bekam ich das Gefühl, real zu sein, anstatt in Gedanken über was wäre wenn… oder was wäre gewesen wenn… zu sein. Ich war im Leben im hier und jetzt.

Mir ging es gut. Fast von alleine und ziemlich schnell öffnete sich eine neue Welt für mich. Ich hatte das deutliche Gefühl zu wissen was war, was mich vorher von der Lebendigkeit getrennt hatte: die Scham über die guten Fähigkeiten, die Scham die Welt mit faszinierenden Augen zu betrachten, die Scham in Ehrlichkeit zu reden und die Scham mich anzunehmen in all meinem Sein, so wie ich bin und wie ich sein kann oder möchte.

Zusammengefasst war die Scham, die Angst vor dem echt sein, was mich von dem echten Leben entfernt hatte.

Vielleicht gibt es Menschen, die nicht um diese Tugenden wissen. Wahrscheinlich nehmen die meisten von ihnen sie nicht als getrennte Aspekte von sich selber wahr oder denken nicht darüber nach, weil es für sie etwas natürliches sein mag.

Was denkst du, lieber Leser, sind die Menschen mit dem Bösen in sich geboren? Ich sehe eher, dass jeder Mensch auf diese Welt kommt mit dem Grundrecht als eine natürliche Fähigkeit in die Reinheit seines Seins eintauchen zu können. Jeder darf in diesem Leben sein Licht erkennen und es strahlen lassen.

Als ich daran dachte, spürte ich in meinem Brustkorb eine fröhliche Energie und als ich mich tiefer in dieses Gefühl hineinsenkte, sah ich eine Freude, die unabhängig von äußeren Ereignissen war.

Ich sagte mir dann, was kann ich mehr wollen? Was muss ich mich noch fragen oder erfahren, um diese Wahrheit zu erleben?”

Nach diesen Fragen fiel ich in einen Zustand des Loslassens und höhere Kräfte fanden einen freien Raum in mir… Ich kam ins Vertrauen mit unsichtbaren Ebenen und öffnete mich. In Momenten des Zweifelns schickte das Leben mir jemanden, der mich zu diesem Vertrauen zurückbrachte. War dieses Vertrauen in unsichtbare Ebenen gut oder schlecht? Das würde ich in den nächsten Jahren erfahren. Etwas schien trotzdem klar:

Was meine Sinne wahrnehmen, ist von den Eigenschaften meines Körpers und Geistes abhängig. Demnach sollte das, was ich nicht wahrnehme nicht als unwirklich festgelegt werden.


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In Resonanz, Sebastián